Was hat Milchvieh mit Werbeagenturen gemein?

Heute auf W&V gelesen: den größten deutschen inhabergeführten Agenturen geht es halbwegs wieder gut. Zurück zu alten Zeiten in denen das Geld in Strömen floß ist es zwar nicht, aber man sieht sich schon wieder auf der Gewinnerstraße. Was mich ein wenig verwundert hat bei der Listung der “erfolgreichen” Agenturen war nicht der ausgewiesene Honorarumsatz, sondern die Umrechnung auf Köpfe – also Agentur X macht 150.000 Euro Gross Income pro Kopf, Agentur Y ist besser, die machen 250.000 Euro pro Kopf.

Klingt ein wenig wie beim Vergleich europäischen Milchviehs: Die deutsche Durchschnittskuh gibt 40 Liter Milch am Tag, die französische nur 35,6 Liter. Damit wäre die deutsche Kuh, die bessere, die erfolgreichere – oder?

Vielleicht auch nicht, vielleicht ist die deutsche Kuh einfach nur die ausgebeutetere von beiden, die unglücklichere und die schneller kaputt gehende.

Nirgendwo habe ich gelesen: Agentur X ist die erfolgreichste Agentur, weil sie ein besonders mitarbeiterfreundliches Arbeitszeitmodell hat oder Agentur Y ist erfolgreich, weil die Mitarbeiter hier zufriedener und motivierter sind aufgrund des Arbeitsumfelds, ohne Leistungsdruck, Mobbing und Angst um den Arbeitsplatz.

Rechnen wir doch mal andersrum: Bedeutet ein niedriges pro Kopf Gross Income etwa, dass in dieser Agentur die Arbeit auf mehr Köpfe verteilt und damit der Einzelne entlastet wird, damit bessere Arbeitsbedingungen und mehr soziale Gerechtigkeit geschaffen werden?

Aber so definiert sich in deutschen Agenturen der Erfolg offensichtlich nicht.

Bleibt fest zu halten: Solange wir Erfolg in Agenturen nach den Maßstäben europäischen Milchviehs messen, läuft irgend etwas schief. Ich warte auf den Tag, wenn Agentur Z nächstes Jahr die Schallmauer von 300.000 Euro pro Kopf Gross Income durchbricht, weil das Milchvieh noch mehr unbezahlte Überstunden, Wochenendarbeit und sonstiges verrichtet.

Kleine Ergänzung vom Controler:

  • Nimmt wahllos einfach mal einen Wert aus der veröffentlichten Liste, beispielsweise die 188.000 Euro die Sassenbach Advertising für 2009 ausweisen  und legt dann eine Produktivitätsquote, also die an Kunden berechenbaren Stunden von 1700 Einheiten / Jahr an, kommt man auf einen Stundensatz von 110 Euro.
  • Nimmt man nun noch in die Rechnung auf, dass ca. 30% der Mitarbeiter einer Agentur nicht an Kunden weiterberechnet werden (was zugegeben sehr wenige sind, normalerweise liegt der Satz bei 50%), kommt man auf einen Stundensatz von 140 Euro, der theoretisch an die Kunden für die produktiven Mitarbeiter angesetzt wird. Und dazu gehören Praktikanten, Mediengestalter, Projektmanager mit einem weiterberechneten Satz von ca. 75 – 80 Euro.

Das ließe sich noch ein wenig weitertreiben, führt aber zu einer Frage am Ende: Wie schafft eine Agentur solch ein Ergebnis?

  1. durch Ausbeutung der Mitarbeiter. Geht man mal von 3 unbezahlten Überstunden am Tag aus, landet man am Ende bei einem durchschnittlichen realistischen Stundensatz von ca. 80 Euro.
  2. durch das Einberechnen eines Teils des Mediaumsatzes in den Gross income.
  3. durch überhöhte Abrechnungen.
  4. durch falsche Angaben.

Sie dürfen wählen. Bevor in München jetzt die Anwälte scharf gemacht werden – ich sehe die Zahlen der Agentur nur als Bespiel und behaupte mit nichten, dass eine der aufgezeigten Antworten auf diese Agentur zuträfe – das nur zur Sicherheit.

Ich hoffe im übrigen, dass keiner der gelisteten Agentur-Kunden einen Taschenrechner nimmt und für seine Hausagentur nachrechnet.

One Comment to “Was hat Milchvieh mit Werbeagenturen gemein?”

  1. xordinary 11 März 2010 at 08:07 #

    Da sagst du was wahres!

    Ich hatte mir noch vor kurzer Zeit nicht vorstellen können, von 28 Jahre alten Reinzeichnern zu hören, die ich als Freelancer deshalb für drei Wochen vertreten darf, weil dieser an Burn-Out-Syndrom leidet. Schön für mich, aber bezeichnend für die Arbeitsumstände.

    Wobei ich der Fairness halber sagen muss, dass das kein branchenspezifisches Problem ist. Aus der Verwandtschaft höre ich ähnliches aus der Pharmaindustrie.

    Aber es stimmt schon. Allein das Ansinnen, den Pro-Kopf-Umsatz für eine aussagekräftige Kennzahl zu halten, sagt viel über die innere Haltung der Geschäftsführungen aus. Wahrscheinlich ist es so, wie ich es für fast alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche für die nächsten paar Jahre erwarte:

    Es wird demnächst richtig rappeln im Karton!


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